Dieter Koepplin

Knick – und sicher nicht nur vom Fass

Das Machen ist selbstverständlich nur das eine: dieser bei Völkle in hohem Mass natürlich erscheinende Umgang mit den mehr oder weniger gegebenen Materialien, mit den Farben, Papieren, gefundenen Holzstücken, ja mit eigenen, älteren Bildern, die übermalt werden – eine ganze Skala von organisch ineinander übergehenden Dingen, natürlichen und künstlichen, handwerklich vorgeprägten Dingen. Das ist das eine; das andere, das ist eine Nachdenklichkeit, die die Arbeit der Hände, die Willensimpulse ständig begleitet und nicht nur unterstützt, sondern auch verzögern, durch Fragen empfindlich hemmen kann. Weiterhin gilt, was mir Bernd Völkle vor Jahren sagte: „Es gibt bei mir Zeiten, in denen ich viel nachdenke, so dass die Reflexion die Produktion lähmt. Es kommen aber auch Zeiten einer, wenn man so sagen will, positiven Naivität“ (Beiblatt zum Völkle-Katalog der Galerie JASA, München 1976).

Auch wenn das Werk zum Schluss kräftig dasteht, quasi ganz auf eigenen Beinen, auch wenn es voll da ist und uns anblickt (zurückblickt?), als das Entscheidende empfinde er, so meint Völkle heute, nicht so sehr das resultierende Werk, sondern das Tun an sich, ja die Haltung; und Völkle weiss natürlich, dass dies eine uralte Einsicht ist. Der Zen-Meister habe zurecht gelehrt, das einzelne Werk könnte auch verbrennen oder irgendwo im Verborgenen liegenbleiben, das tue nicht viel zur Sache. In der Tat, was für ihn, den ziemlich weit weg von der Stadt, und vom Betrieb lebenden Bernd Völkle schliesslich zähle, das sei vor allem, die „Notwendigkeit“ einer Haltung und einer Arbeitsweise zu spüren, die dann zur Qualität der einzelnen Werke führen mag. Ohne das Spüren solcher Notwendigkeit wäre alles wirklich nur Mache. Gewiss, die Werke können nur leben aus „ihrem“ Grund, aus einem geheimen Grund, der nachdenklich machen muss – Völkle will diesen Fragen nicht aus dem Wege gehen, eine gewisse Schwermut seiner oftmals auch kecken, jedenfalls frischen und sehr bestimmten Werke legt davon Zeugnis ab.

Von welcher Haltung können Völkles Werke – dank ihrer Qualität – sprechen? Lässt sich dies „ablesen“ oder ein wenig umschreiben? Die Haltung zu abstrahieren, aus dem sinnlich-geistigen Ganzen der Werke herauszuziehen, wäre Unsinn, Beschreibung der Werke schon besser. Es sind, nicht nur was die Plastiken angeht, ziemlich volle, massive Werke, so scheint es.

Beispielsweise der „Knick“: ein Eisenrohr, das, zur Glut erhitzt, unter offensichtlich starkem mechanischem Druck geknickt wurde, gestopft mit zugehauenen Stümpfen eines Holzbalkens. Die Holzstücke könnten einen Moment lang den Eindruck erwecken, sie wären die verlängerten Hebelarme für die Knickung. Wir merken aber bald, dass die beiden Holzpropfen zu dem hohlen Rohr nachträglich – natürlicherweise, weil das Rohr etwas fassen möchte – hinzugekommen sind. Sie geben dem Werk etwas Rundes, Abgerundetes, Geschlossenes. Und es scheint paradox, dass die Holzstücke, so schwer sie sind, das Ganze auch leichter machen, beweglich. Mit den Pfropfen entfaltet sich das zum Knick gezwungene Eisenstück fast wie ein Naturwesen, unverkrampft, imaginär beweglich, ohne Übergewicht.

Die Eingriffe erscheinen so „natürlich“ angebracht, auch so ökonomisch, wie wir es von gutem Handwerk kennen, falls wir solche Erfahrung überhaupt noch mitbekommen haben. Handwerk dieser Art trägt aus anonymer Tradition eine selbstverständliche Richtigkeit in sich, so dass alles rund, fest und zugleich leicht aussieht. Wir wissen, dass solches Handwerk mehr und mehr der Vergangenheit angehört, da hilft kein Klagen. Aber ein Künstler mag nachdenklich werden und sich fragen, in welches Verhältnis er sich heute dazu bringen soll. Völkle ist sehr angetan von einer Passage in dem publizierten Gespräch einer Gruppe von Leuten mit Joseph Beuys (Volker Harlan: Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys, Stuttgart 1986); da wird Buys eine simple Kiste vorgesetzt, über die man zu sprechen beginnt. Beuys sagt von diesem Möbel, es müsse, wenn es gut sei, wenn es „ohne Schwindel“ (das heisst mit einer gewissen Wahrhaftigkeit) gemacht sei, einem lebendigen Wesen gleich sein, „wirklich mit sich einig und zufrieden sein und überleben wollen“, gleichzeitig „fast in der Natur verschwinden“: „Ein griechischer Tempel, der sagt imgrunde, dass der Olivenbaum, der danebensteht, noch viel schöner ist als er“.

Bernd Völkle, dessen Atelier und bäuerliches Wohnhaus nicht neben Olivenbäumen, wohl aber neben Apfelbäumen und Reben steht, wurde von solchen Überlegungen beeindruckt, weil sie eigene Erfahrungen und vor allem Fragen berühren. Er beobachtete, dass türkische Arbeiter in dem badischen Dorf, wo Völkle seit langem lebt, in ihrer handwerklichen Arbeit eine solche „natürliche“ Sicherheit noch besitzen – nicht ungefährdet selbstverständlich, das ist nun mal so und müsste auch neue Chancen beinhalten –, so dass er sich ernsthaft auch schon überlegt habe, ob er diese türkischen Arbeiter nicht beim Malen bzw. „Anstreichen“ seiner Bilder mitverpflichten sollte. Zwar ist man als Künstler seit Jahrhunderten und zumal seit dem 19. Jahrhundert längst kein Handwerker alter Schule mehr, die Unschuld der „positiven Naivität“ vermag allein nicht mehr zu tragen. Das hindert aber nicht, dass mit Bewusstsein und Nachdenklichkeit beispielsweise der Boden eines Weinfasses in die Arbeit einbezogen werden kann – für einen „Kopf“, für ein Kunstwesen also, das uns wie ein Lebewesen – ein gegenwärtiges? – anschaut, präsent und sich entziehend, massiv und ephemer.

[Galerie Carzaniga & Uecker Basel, 1991]