Werner von Mutzenbecher

Bei Bernd Völkle in Tannenkirch

… Wer Bernd wirklich begreifen will, muss ihn sehen und erleben, wie er in seinem Anwesen sein Wesen treibt, wie er dort mit Renate, mit Julia und Johanna lebt und leibt. Bernd, frühbegabt, hochbegabt, scharfen Verstandes immer schon, lockerer Hand, leichten und schweren Herzens, ein Schmetterling, ein Gaukler sogar, tief sinnend auch, ein Melancholiker, erfolgverwöhnt und Misserfolge erduldend, freud- und leidgeprüft, gereift, gekeltert, ein Mann von 54 Jahren jetzt, immer noch jung, gesetzt, selbstsicher, scheinbar ruhig, beunruhigt dennoch, nicht rastend, produktiv, fleissig, findig, arbeitsfroh, beredt, langsam im Reden, schnell im Denken, präzis im Fühlen, Mann seiner Frau Renate, Vater der Töchter Julia und Johanna, Herr eines Hauses, verwurzelt hier, landschaftsverbunden, weltoffen, vielgereist, ein Freund und treu zu Freunden, humorbegabt, spöttisch-ironisch, aber respektvoll, liebevoll, Leistungen achtend, tolerant, Schwächen erkennend, aber kein Lästermaul, mit Sinn fürs Absurde und Sinn für Qualität, stets gut gekleidet, von gediegener, unauffälliger Eleganz, achtsam im Umgang mit Material, sinnlich und zart zugleich, heftig manchmal in seiner Kunst, fast rücksichtslos Freiheit sich nehmend, egozentrisch vielleicht, aber offen für anderes, belesen, musikliebend, kultiviert, nie protzig, dem Guten zugetan, das für ihn als gut Erkannte verehrend mit Leidenschaft und Beständigkeit: ein guter Mensch!

Ein Mensch, dem die Freiheit, die innere Unabhängigkeit über alles geht, der dennoch Wurzeln hat, zu ihnen steht, sie nicht leugnet, sie aufdeckt immer mehr, älterwerdend, ein Mensch, der sich und was er tut, ernst nimmt, der nicht mit sich hadert; was ihm die Fähigkeit der Beobachtung anderer verleiht. Und in der Arbeit manchmal wie ein heller Lichtblitz oder eine Ader im Gestein, kostbar, verborgen, Natur wesenhaft! Das Summen der Insekten, Sonne auf dem Blatt, das knollige, fruchtknotige Knospen, das Murmeln des Bachs, das Sommergewitter, das am Himmel aufzieht. Ein Schmetterling, der schönfarbig durch die hellblauen Lüfte faltert, eine Frucht, die gelb und prächtig vom Aste strotzt. Zu ihm also, dem Freunde, fahrend ins Grössere, Weitere hinüber, denke ich fahrend an den Maler, Bildhauer und Menschen Bernd. So wie ich ihn sah vor vielen Jahren, so wie zuletzt vor kurzem, so wie er mir morgen wohl scheinen mag nach diesem heutigen Tag. Unmöglich, nicht an jene blaugrauen, leeren und weiten Hügellandschaften zu denken, die Bernd einst zu unserer Bewunderung gemalt, jetzt wo ich in dieser Landschaft bin. Unmöglich auch, Bernd und die Synagoge nicht zu verbinden, die ihm einst in Müllheim als Atelier gedient, ein Ort, den man nicht ohne Schauder betrat unten, im grossen Raum; er, Bernd, hauste auf den Emporen oben.

Bei meinem Eintreten in den gepflasterten Innenhof seines grossen Anwesens in Tannenkirch steht er, schnell unter den Büschen hervorgeschlüpft, lachend vor mir, und nach kurzer und unvollständiger Vorbesichtigung von Haus, Hof und ehemaligen Scheunen, Ställen, Geräteremisen, jetzt Orte zum Herstellen und Aufbewahren von Bernds weitausufernder Kunstproduktion, machen wir uns auf den Weg nach Sulzburg, wo Bernd in der renovierten ehemaligen Synagoge eine kleine Ausstellung hauptsächlich plastischer Arbeiten hat. …

… Unheimlich und wie verzaubert dünkt mich der Ort, die schöne Landschaft auf der Fahrt, Trauben- und Weinangebote überall, ein feines, herbstliches Himmelsgrau über allem, die Zeit ist vertauschbar. Jetzt und einst vermischt, gealtert wir dazwischen, was einmal war, ist vorbei, ist Erinnerung und kommt wieder oder ist noch immer da in verwandelter Form.

Auch der Hof in Tannenkirch ist verwunschen und mit seinen Oleanderbüschen in den riesigen Tontöpfen, den Feigenbäumen eine Welt für sich, ohne Berührung zum Dorf, nicht eben sehr deutsch. Liegt es an Bernd, dass es ihm immer wieder gelingt, ein eigenes Reich zu schaffen? Ein Reich, von seinen Werken aus alten und neuen Zeiten voll, dabei wohlgeordnet, jedes Ding an seinem Platz. Eine Werkstatt für das Arbeiten in Gips, weiss in weiss, keine Farbe, Räume mit den Holzplastiken, fertige und solche, wo gefundene Stücke lange warten, bis die Idee für eine Veränderung, eine Gestaltung in Bernd gereift, er hat Geduld, ein Zimmer mit Gouachen im eigens gebauten Möbel, ein Raum mit Arbeiten, auf denen Eisen rostet, Werkzeuge, wirklich zu gebrauchen, und solche, die künstlich sind, Köpfe aus Holz und Blech, wie von Primitiven gemacht. Viele Dinge sind zu besehen, manches noch roh und ungeformt, anderes schon ausstellungserprobt und hier halb magaziniert, halb ausgestellt. Der Estrich gehört dazu und auch der Keller, wo weissangemalte Skulpturen stehen im schlechten Kunstlicht – schau, eine Kröte, ruft Bernd, ein Zeichen, der Keller ist gesund, weil sie in ihm leben kann! Draussen im Garten liegen wie Walfische drei grosse Aubergines aus Messing im Gras, im Gartenhäuschen neben dem Bouleplatz Daphnis und Amaryllis, die Klage des Hirten von Böcklin in einer kleinen Reproduktion, schön eingerahmt und dort auf der hellblaugrünfarbigen Holzwand aufgehängt. Im Maleratelier endlich, bis zum Schluss aufgespart, das Malerfreunde-Ritual entschärfend so, auf der Rückseite einer Leinwand von Bernd in seiner grossen Schrift geschrieben Ezra Pounds Kurzgedicht L’ART, 1910: Grünes Arsen auf ein ei-weisses Tuch geschmiert, Zerquetschte Erdbeeren, Komm, lass die Augen schlemmen. Schön weiss ist das Atelier, wie Bernd es liebt, die Farben kommen zur Geltung so. Heftige Farben, starke Klänge, dazu ein Geschiebe, Gedränge grosser Formflächen, offene, dünne Linien dazwischen wie Ritzen, durch die das Licht nach vorne bricht, nach vorne glänzt. Und es wettert und grollt und blitzt im Atelier des Malers Völkle in Tannenkirch. Oft liegt die weitausholende Geste eines grossen Vs der Komposition zugrunde, oder Dreiecksformen durchdringen und überlagern sich, Farbe und Licht sind wichtig, noch wichtiger vielleicht der alte, immer junge Schwung, die Kraft und Energie, das Gewalttätige fast, aber mit Zartheit gepaart.

[Auszüge aus einem Artikel in: Basler Magazin, Nr. 43, 29.10.1994]